
A.N.K.E.R. Nahrung
Im zweiten Schritt nach der Akzeptanz der Krankheit ist es wichtig, sich auf positive Weise mit der eigenen Ernährung zu beschäftigen und in ihr den zentralen Schlüssel zum Dia-Erfolg ohne Gluko-Kicks zu erkennen. Sich gemäß der Anforderungen dieser Krankheit zu ernähren ist kein Verzicht oder Belastung, sondern ein Zugewinn an Lebensqualität und Lebensdauer. Wenn die Integration von Bewegung und Sport möglich ist, umso besser für den langfristigen Erfolg und die eigene Gesundheit. Denn diese sollte für uns an der ersten Stelle stehen.
Es ist zudem erwiesen, dass die Häufigkeit von Doppeldiabetes (oder Double Diabetes) seit Jahren steigt und Menschen mit Typ 1 zusätzlich an Typ 2 Diabetes erkranken (https://www.diabetesde.org/double-diabetes). Die Folge dieser doppelten Erkrankung ist, dass einerseits das natürliche Insulin nicht ausreichend von der Bauchspeicheldrüse produziert wird (Typ 1), und zusätzlich wird durch eine steigende Insulinresistenz das künstlich hinzugefügte Insulin nicht mehr ausreichend vom Körper verarbeitet (Typ 2). Typ 1 Diabetes schützt nicht vor Typ 2 Diabetes. Unsere Ernährungsweise und der insulinsensitive Umgang mit unserer Ernährung sind entscheidend für die Vermeidung dieser doppelten Belastung unseres eigenen Körpers.
Dreifaltigkeit der Nahrung
Situative Optionalität


Gezielte Anpassung
Umfeld einbinden




Situative Optionalität bei Nahrungswahl
Mal eben eine Pommes, eine Pizza, einen Burger oder Tafel Schoki verspeisen, das geht mit Typ 1 Diabetes nur eine gewisse Zeit lang gut. Wir können die Wirksamkeit unseres künstlichen Insulins am besten zur Geltung bringen, wenn wir uns genau überlegen, zu welchem Zeitpunkt des Tages welche Nahrungsmittel am besten damit interagieren. Ein Beispiel: eine Pizza an einem sonnigen Mittag, während man in Rom Sightseeing betreibt, wird wahrscheinlich gut verarbeitet und der Gluko-Kick hält sich in Grenzen. Sitzen wir hingegen abends beim Italiener, fahren dann mit dem Auto heim und legen uns danach gleich ins Bett, wird das künstliche Insulin große Mühen haben, den Blutzucker (durch die Mehl-Stärke im Teig) zu senken und höchstwahrscheinlich bis tief in die Nacht hinein hohe Blutzuckerwerte aufweisen. Das gilt nach meiner Erfahrung leider auch dann, wenn wir die korrekte Menge an Insulin gespritzt haben. Ich bezeichne diese Entscheidungsfindung als 'Situative Optionalität': sich je nach Situation die Optionen für die Nahrung zu überlegen und entsprechend entscheiden. Und abends beim Italiener lieber einen Salat oder Vorspeisenteller essen.


Gezielte Anpassung einzelner Zutaten
Gezielte Anpassung der verwendeten Nahrungsmittel: Zutaten beim Zubereiten von Mahlzeiten gezielt anpassen, austauschen, erhöhen, reduzieren – und dabei starke Gluko-Kicker durch Blutzucker-freundliche Alternativen ersetzen. Der Vorteil dieser Maßnahme besteht darin, dass wir weiterhin unsere geliebten und gewohnten Mahlzeiten essen, jedoch an ihren Zutaten etwas „schrauben“. Aus Gesprächen mit Typ 1 Diabetikern höre ich oft die Qual des Verzichts, weil viele gewohnte Speisen problematisch für den Blutzuckerspiegel sind und langanhaltende Gluko-Kicks verursachen. Wenn jedoch exakt diese Zutaten gezielt ersetzt werden, bleibt die Speise nahezu unverändert bestehen und verursacht dennoch keine Gluko-Kicks.
Mein Kartoffelsalat schmeckt auch dann super, wenn ich die Hälfte der Kartoffeln durch Knollensellerie und Petersilienwurzel ersetze. Durch die Verringerung der Kartoffeln fallen die Gluko-Kicks erheblich geringer aus. Ich habe es mal mit 15 Gästen getestet, die bei mir oft denselben Kartoffelsalat (Familienrezept) essen und ihn lieben. Der „reduzierte“ Kartoffelsalat kam nicht schlechter an. Und ein Kuchen schmeckt mit gemahlenen Mandeln mindestens genauso gut wie mit Weizenmehl, reduziert den Stärkegehalt jedoch erheblich – und damit auch die Gluko-Kicks.


Verzicht ist daher auch mit Typ 1 weiterhin nicht nötig, wenn wir gute Blutzuckerwerte (und keine Pumpe) wollen. Geringe Anpassungen an einigen zentralen Stellen können völlig ausreichend sein.
Das eigene Umfeld einbinden
Zwei häufige Irrtümer beim Umgang mit der Ernährung als Typ 1 Diabetiker begegnen mir immer wieder:
Alles genauso machen wie bisher. „Ich esse alles wie früher, von Pizza bis Kuchen, spritze mein Insulin, und alles ist super.“ Die Blutzuckerwerte bleiben hoch, werden ignoriert. Oder man spritzt mehr Insulin und nimmt zu. In beiden Fällen riskiert man den zunehmend „populären“ Double-Diabetes (Typ 1 und Typ 2 gleichzeitig), so dass dieses Vorgehen potenziell negative körperliche Auswirkungen mit sich bringt.
Es wird alles in Frage gestellt, sich dabei von der eigenen Gemeinschaft, von Familie und Freunden, separiert. Jede gemeinsame Mahlzeit wird von Stress bestimmt. Es wird doppelt eingekauft, doppelt gekocht und sogar getrennt gegessen. Dieser Aspekt schlägt nicht nur auf die Psyche der Betroffenen, er exkludiert auch aus der eigenen Gemeinschaft und verschlimmert dadurch die Folgen der Krankheit erheblich. Diese Trennung muss nicht sein, denn für Typ 1 geeignete Mahlzeiten können allen schmecken.


Daher halte ich es für elementar wichtig für ein erfolgreiches Diabetesmanagement, die Umgebung einzubinden und eine Gemeinschaft zu bilden. Ich beziehe seit Jahren alle ein: meinen Freund, meine Eltern, alle Freunde, deren Kinder, sogar meine Schwiegermutter. Ich teste meine Rezepte an 60-jährigen Männern und 7-jährigen Mädchen. Ich lasse meine Kuchen 12-jährige Jungs verkosten und freue mich, wenn sie für ein zweites Stück wieder kommen und weiter schlemmen. Seit meiner Diagnose habe ich mich nicht aus meiner Gemeinschaft separiert, ich bin noch viel stärker mit ihr zusammengewachsen. Und das Tolle ist, dass sich alle darauf einlassen, sich sogar auf die nächsten spannenden Experimente freuen, nachfragen und meine Rezepte Zuhause selbst testen. Und das, obwohl ich die einzige in meinem Umfeld mit Typ 1 Diabetes bin. Aber alle finden es spannend, mit mir diese experimentelle Reise zu erleben. Ich kann alle Betroffenen nur ermuntern, es genauso zu tun und dem eigenen Umfeld zu vertrauen.











